Mitte 2005: Nachdem der Brechmittelbefürworter Professor Klaus Püschel, Leiter des rechtsmedizinischen Instituts in Hamburg, von Studierenden zu einer Aktion gegen Studiengebühren eingeladen worden war, wuchs bei einigen Leuten das Unbehagen über die Kompromisse, die von den Hochschul-Aktiven im Interesse eines möglichst „bunten“ Protestes eingegangen wurden. Als Intervention in den linksradikalen Flügel des „Summer of Resistance“ wurde ein Flugblatt formuliert und verteilt:
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summer of resistance oder lucky streik light
wir haben vor, im folgenden einen abriss unserer kritik am summer of resistance (kurz sor) zu skizzieren.
der sor ist angetreten, studiengebühren zu verhindern. „nichts anderes gilt“1. somit verschließt sich dieser „widerstand“ jeglichem emanzipatorischen und gesellschaftskritischen anspruch. nicht weil nicht von einzelnen akteur_innen ein weitergehender wille reklamiert würde, sondern weil die grundlegende ausrichtung auf eine pluralistische bunte bewegung einen solchen anspruch ausschließt. die zunehmende reduzierung auf die forderung „studiengebühren stoppen“ führte zwar zu einer vergrößerung der bewegung, sie verurteilte jedoch das ziel, radikale kritik zu transportieren, von vornherein zum scheitern. stattdessen hatte diese reduktion fatale inhaltliche und methodische konsequenzen.

die konzentration auf konkrete akteur_innen wie „rechts“senat, parteien und bestimmte personen mag für die ausschließliche verhinderung von studiengebühren erfolgversprechend sein, verschleiert aber die gesellschaftlichen verhältnisse, welche die derzeitige hochschulpolitik hervorgebracht haben. die rolle, die universitäten schon in ihrer bisherigen form für die reproduktion dieser gesellschaft spielten, unabhängig von der „bösartigkeit“ und „charakterschwäche“ einzelner akteur_innen, bleibt somit unreflektiert. eine kritik der warenproduzierenden gesellschaft ist unter diesen voraussetzungen unmöglich.

ebenso unmöglich wird eine konsequente kritik von identitätskonstruktionen. wo sich bereits menschen, die nichts gemeinsam haben als ein semesterticket, in einer symbolisch aufgeladenen gemeinschaft wähnen, wird die dekonstruktion von hierarchischen kategorien wie rasse, geschlecht und nation aussichtslos. im rahmen des sor erfolgt eine weitere aufladung der kategorie „studi“ durch labelling und urabstimmendes „kreuzchen machen an der richtigen stelle“. hiermit wird eine homogene studierendenschaft mit einem vorgeblich einheitlichen interesse suggeriert. durch diese konstruktion einer studierendengemeinschaft auf der einen und die benennung von „dräger und lüthje“ als entscheidungsmächtige gegner auf der anderen seite, werden die politischen differenzen innerhalb der studierendenschaft überlagert.

dabei ist das gemeinschaftsstiftende „studiengebühren stoppen“ so offen, dass sich verschiedenste motivationen darin wiederfinden können: „eigeninteresse“, „erhaltung der uni als freiraum“, „soziale gerechtigkeit“, „bildung ist keine ware“, „standort hamburg/deutschland nicht gefährden“. diese inhaltliche offenheit ermöglichte es sogar einem brechmittelbefürworter wie prof. püschel, sich in die gelbfront der protestierenden einzureihen. eine wirkliche auseinandersetzung mit dieser problematik findet nicht statt, weil es vielen aktiven wichtiger ist, niemanden zu verschrecken, als einen gesellschaftskritischen standpunkt einzunehmen und einem rassisten das mikrophon zu klauen.

doch nicht nur die reduktion auf die forderung „studiengebühren stoppen“ ist problematisch, auch die forderung selbst ist bestenfalls im wortsinn konservativ, schlimmstenfalls führt sie zu einem verteilungskampf, in dem sich studierende gegen andere soziale gruppen stellen.

zudem ist diese forderung in ihrem fokus auf den finanziellen aspekt keine politische, sondern eine, die sich notwendig aus den lebensumständen der studierenden ergibt. ehemals wichtige (hochschul)politische themen wie zulassungsbeschränkungen, beschneidung von mitbestimmung und verkürzung des bildungsbegriffs auf ausbildung sind blinde flecken im sor. völlig abgesehen wird von wirklich radikalen ansätzen wie der kritik an der funktion der universität in der gesellschaft, an herrschaftsverhältnissen, an institutionen als befriedungsmechanismen.

wir würden gerne mit der polemischen aufforderung „hört auf zu studieren, fangt an zu denken“ enden, müssen allerdings noch einen wichtigen denkanstoß hinzufügen. die frage ist zu klären, ob es möglich ist, in dieser bewegung mit radikalen positionen zu intervenieren und damit den versuch zu unternehmen, sie zu beeinflussen – oder ob die positionen so widersprüchlich sind, dass es notwendig wird, dieser eine radikale kritik entgegenzusetzen.
ein paar nörgler_innen

  1. horkheimer/adorno. dialektik der aufklärung. frankfurt a. main. 1969, s. 10. [zurück]